HOMEPAGE



Berlin

ZUSAMMENPRALL DER KULTUREN

Zur Europapremiere von „On Fire - The Invention of Tradition“ im Maxim Gorki Theater, Berlin



Hinterfragen und dekonstruieren: Constanza Macras' raffiniertes Spiel mit postkolonialen Bildern


  • "On Fire" Foto © John Hogg
  • "On Fire" Foto © John Hogg

Furios und voller Energie attackieren die zwölf Tänzer und Performer von DorkyPark Berlin und Dance Umbrella South Africa in „On Fire“ tradierte Vorstellungen vom weißen und vom schwarzen Mann. In neunzig pausenlosen Minuten konterkarieren sie tanzend, spielend, singend überaus lustvoll und unkonventionell die über Jahrhunderte gegenseitig angehäuften Stereotypen. Die argentinische Choreografin, Regisseurin und Kostümbildnerin Constanza Macras wagt sich in ihrer neuen Arbeit an die „künstlerische Dekonstruktion kolonialer und patriarchaler Bilder des Anderen in post-Apartheid Zeiten“. Die Uraufführung von „On Fire“ fand am Februar 2015 in Johannesburg/Südafrika statt; jetzt erlebte die Show im koproduzierenden Maxim Gorki Theater Berlin ihre umjubelte Europapremiere. Die polyphone Bildfolge wird hier mit anderen Erfahrungen rezipiert: mit unserer Fremdheit, unseren Klischees, unserem Unwissen.

Constanza Macras und Dramaturgin Carmen Mehnert entwickelten zusammen mit dem vielseitigen Darstellerensemble kontrastierende Szenen, die genreübergreifend Tanz, Foto, Film, Musik sowie Text im Zusammenprall montieren. Historische Fotos von Ayana V. Jackson legen das Konstrukt „erfundener Traditionen“ bloß. Die Energie der Tanz- und Spielszenen ist hoch, ihre Geschwindigkeit überrollt jedoch den Zuschauer. Ahnenkult, Versöhnungskommission, Werteverfall und Identitätssuche werden nur als narrative Spuren angerissen.

Anfangs greift ein Schwarzer auf der Diagonale mechanisch in den Raum, langsam wiederholt er die Bewegungsfolgen, dann tritt ein Weißer in seinen Weg. Wie zwei Roboter heben, senken sie gegenseitig ihre Arme, Hände. Für einen Moment verhaken sich ihre Füße, ihre Oberkörper beben gegeneinander, langsam umkreisen sie sich. Auf Krücken steht ein Mann real auf der Bühne und zugleich in einer wüsten Landschaft vor Überlandleitungen (Film), bis ein Südafrikaner in roten Leggins und Butterfly-Shirt zum a-cappella-Gesang der Frauen wie ein Feuergeist über die Szene wirbelt. In ambivalenten Gruppentänzen ist das Motiv der schwankenden Erde und ihrer Bewohner am stärksten erlebbar: die Performer kicken einander die Beine weg, keiner kann ohne die Hilfe eines anderen stehen, noch gleichen sie wechselseitig taumelnden Puppen. Junge Männer, die einander ab- und aufrichten, zu Fall bringen und einander tragen, die sich prügeln, und im physischen Tanzwettstreit auspowern. In aberwitzigen Dialogen stellt sich die Crew einer südafrikanischen Soap Opera vor, die besser sein will als „Downton Abbey“. Fernanda Farah brilliert als Musikerin wie als Showmasterin und Mpotseng Nhlapo fasziniert als Tänzerin wie als Mythenerzählerin von der Urmutter Ma.

„Wir sollten es den Europäern überlassen, mit ihren Verblödungen fertig zu werden. Wir sollten nicht vergessen, was wir über uns selbst zu sagen haben“ appelliert ein Schwarzer. Grausam verzerrt erklingt eine alte Opernaufnahme, lädiert sind die Tennisschläger, unter korrekten Anzügen blitzen afrikanische Stoffe hervor. In Frage und Antwort von Individuum und Gruppe tanzt das Ensemble kraftvoll zum Zuschauer, bis auch der spastisch eingezwängte „Weiße“ seine Arme frei bewegt. Unterhalten sich zwei Schwarze: „Mir ist aufgefallen, wie Europäer tanzen: Die Musik powert, doch sie halten die Arme still und sagen immer nur ah, ah.“ Macras und ihr Team laden ein zum Perspektivwechsel.

Veröffentlicht am 02.10.2015, von Karin Schmidt-Feister in Homepage, Kritiken 2015/2016

Dieser Artikel wurde 986 mal angesehen.



Kommentare zu "Zusammenprall der Kulturen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE NEWS


    MIKHAIL BARYSHNIKOV ERHÄLT DEN PREMIUM IMPERIALE INTERNATIONAL ARTS AWARD

    Am 18. Oktober wird der amerikanische Tänzer und Choreograf für sein Lebenswerk ausgezeichnet
    Veröffentlicht am 16.09.2017, von tanznetz.de Redaktion


    BEN VAN CAUWENBERGH BLEIBT AM AALTO BALLETT ESSEN

    Der Vertrag mit dem Essener Ballettintendanten wurde bis zur Spielzeit 2022/2023 verlängert
    Veröffentlicht am 14.09.2017, von Pressetext


    NANINE LINNING GEHT NEUE WEGE

    Im Sommer 2018 verlässt die Leiterin der Tanzsparte Heidelberg
    Veröffentlicht am 07.09.2017, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZ- UND PERFORMANCE-PROGRAMM IM RAHMEN DES BEETHOVENFESTS

    Vom 8. September bis 1. Oktober in Bonn

    In den letzten zwei Jahren öffnete sich das Beethovenfest zeitgenössischen »jungen« Kunst-Sparten. Auch das diesjährige Festival widmet sich den tänzerischen und performativen Formen der Gegenwart.

    Veröffentlicht am 01.04.2017, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ATEMBERAUBEND GRENZÜBERSCHREITEND: HOMÖOPATHIE UND TANZ

    „Sepia tanzt alleine“ von Andrea Simon, Andreas Etter, Ulrich Koch und Gesina Habermann verbindet Tanz und Medizin in beeindruckend schönen Bildern
    Veröffentlicht am 10.02.2017, von Sabine Kippenberg


    DIONYSOS UND APOLLON IM STREIT

    Demis Volpis „Tod in Venedig“ als Koproduktion von Ballett und Oper in Stuttgart
    Veröffentlicht am 09.05.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VERBOTEN, VERSCHOBEN, VERGESSEN?

    Zur Absage der Uraufführung „Nurejew“ des Regisseurs Kirill Serebrennikow und des Choreografen Juri Possochow am Moskauer Bolschoi-Theater
    Veröffentlicht am 18.07.2017, von Boris Michael Gruhl

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DEUTSCHLAND BLEIBT TANZLAND

    Das Spielzeitheft Nr. 4 ist da!

    Veröffentlicht am 30.08.2017, von tanznetz.de Redaktion


    DAS LEISE AUSATMEN DER HÄNDE

    In Dresden geht die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Tanzerbe Mary Wigmans weiter

    Veröffentlicht am 14.09.2017, von Rico Stehfest


    KEINE GRENZEN DER GENRES

    Die Dresdner go plastic company präsentiert mit „INAROW“ ein Festival der Künste im Festspielhaus von Hellerau

    Veröffentlicht am 11.09.2017, von Boris Michael Gruhl


    BEN VAN CAUWENBERGH BLEIBT AM AALTO BALLETT ESSEN

    Der Vertrag mit dem Essener Ballettintendanten wurde bis zur Spielzeit 2022/2023 verlängert

    Veröffentlicht am 14.09.2017, von Pressetext


    NANINE LINNING GEHT NEUE WEGE

    Im Sommer 2018 verlässt die Leiterin der Tanzsparte Heidelberg

    Veröffentlicht am 07.09.2017, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP