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Graz

DAS ETWAS ANDERE DORNRÖSCHEN-BALLETT

Jörg Weinöhl begeistert in Graz



Glanzvoll beginnt mit Jörg Weinöhls Ballett "Der Liebe Schlaf" in Graz eine neue Ära. Und der Tanz steht im Vordergrund.


  • Der Liebe Schlaf, Ballettcompagnie der Oper Graz Foto © Werner Kmetitsch
  • Der Liebe Schlaf, Joao Pedro de Paula, Lorena Sabena Foto © Werner Kmetitsch
  • Der Liebe Schlaf, Dylan Hoskins (Fee der Liebe), Miki Wakabayashi (Fee des Unbekannten) Foto © Werner Kmetitsch
  • Der Liebe Schlaf, Bruna Dinzi Afonso (Dornröschen), Simon van Heddegem (Prinz) Foto © Werner Kmetitsch
  • Der Liebe Schlaf, Bruna Diniz Afonso als Dornröschen Foto © Werner Kmetitsch

Über einen roten Teppich schreitet das Publikum in festlicher Prozession zur Bühne und hinauf in den heiligen Raum aller Theaterleute, um auf rot gepolsterten Stühlen wie in einem Schlossfoyer Platz zu nehmen. Der Blick schweift geradezu atemlos über den barocken Glanz, der sich von hier bis hinauf zu dem Portal bietet, das früher wohl einmal zur Königsloge führte und durch das später der junge Prinz treten wird, um über eine lange Leiter ins Parkett zu gelangen und dann auf die Vorderbühne, wo das schlafende Dornröschen, beschützt von weißen Rosen und schwarzen Dornen, friedlich auf blütenweißem Kopfkissen schlummert. Ganz hinein genommen wird man so in das Märchen von der Prinzessin, die in jungen Jahren trotz aller Vorsichtsmaßnahmen der liebenden Eltern verunglückt und in einen todesähnlichen Schlaf fällt.

Jörg Weinöhl, prägender Charaktertänzer von Martin Schläpfers Kompanien in Bern, Mainz und zuletzt beim Ballett am Rhein, löst Darrell Toulon ab, der mehr als ein Dutzend Jahre Ballettdirektor an der Oper Graz war. Glanzvoll beginnt mit Weinöhls Dornröschen-Ballett „Der Liebe Schlaf“ nun eine neue Ära. 16 Tänzer gehören aktuell zur Kompanie, zehn von ihnen tanzten schon vorher hier. Dass Weinöhl so viel Wert auf Individualität und heutige Psychologie legt, und dabei auch nicht genug davon bekommen kann, alle nur denkbaren Varianten moderner Balletttechnik auszuprobieren, verleiht seiner ersten abendfüllenden Ensemblechoreografie die Qualität eines exquisiten Tanztheaters.

Linker Hand von der Zuschauertribüne in den frei geräumten Kulissengängen stimmen die Musiker des Grazer Philharmonischen Orchesters ihre Instrumente, während unten zwischen den mit weißen Tüchern abgedeckten Parkettreihen Kinder Versteck spielen. Als aber Dirigent Robin Engelen den Taktstock zur festlichen Ouvertüre einer Suite von Georg Philipp Telemann hebt, schreiten 15 Tänzerinnen und Tänzer in grauer Trainingskleidung von unten herauf und stellen sich mit kurzen Tänzen in Schläppchen vor. Die Tanzsprache ist frisch, durchsetzt mit akrobatischen Elementen natürlich, aber auch auffallend weich fließenden Armbewegungen und Verschlingungen wie bewegte Girlanden. Immer wieder wechseln in der Folge Episoden von Märchen und Realität, hellwache Szenen und traumverlorene, meditative Passagen. Es geht hier um die heilsamen Kräfte von Schlaf, um das Reifen eines unbekümmerten, geliebten Mädchens zu einer verliebten jungen Frau - um Wachsen und Wandel. Nur die Fee des Schlafes (Dianne Gray) und ihr Gefolge (die zwei Damen der Dornenhecke: Emily Grieshaber und Barbara Flora) tanzen auf Spitze.

Am unterhaltsamsten sind in den eineinhalb Stunden der Aufführung mit weltlicher und sakraler Barockmusik zwei Gruppenszenen: als die zur Taufe geladenen Feen in den raffiniertesten Haute Couture-Roben (Ausstattung: Saskia Rettig) auftreten, geht nach der Gratulationstour so richtig die Post ab. Bizarr wippen die unisex Haartrachten, die in einem flammenden hochstehenden Haarkranz über der Stirn enden, nackte Füße fliegen und flitzen, Finger spreizen und ballen sich, Körper verdrehen und verrenken sich - Disco-Time! Die Fee des Unbekannten (Miki Wakabayashi), die Außenseiterin, die nicht geladen war und sich doch mit gewohnter Penetranz dazu schleicht, streift ihre schwarzen Stilettos ab, an denen aber auch alles spitz zu sein scheint, und schleudert ihren Todesfluch über den winzigen Täufling. Die Fee der Liebe jedoch (Dylan Hoskins - im bravsten Cocktailkleid von allen) mildert nicht nur den Fluch, sondern nimmt die Ungeliebte auch in den Kreis der anderen hinein.

Hinreißend komische Charakterstudien liefert das Quintett der Köche. Nie wird es kitschig, bieder, einfältig oder kompliziert. Berührend sind die Duette des Königspaars (Lorena Sabena und Joao Pedro de Paula) in ihrer Nähe, Trauer und Zärtlichkeit. Wunderbar stellt Bruna Diniz Afonso die Entwicklung Dornröschens vom verspielten Kind bis zum Erwachen der Liebe zu ihrem Prinzen im ausgewachsenen grünen Konfirmandenanzug mit bunter Glasperlenschnur im Wuschelhaar und Billigbrille (Simon Van Heddegem) dar. Bei aller Sorgfalt hinter dem Märchen die heutige Gesellschaft und den Menschen darzustellen, steht doch immer der Tanz im Vordergrund. Und das bis zum glücklichen Ende, das in eine Art Apotheose mündet. ‚Das Glück’ tanzen auf Händels „Happy we!“ aus dem Oratorium „Acis und Galatea“ drei Paare. Beglückend und rundum geglückt ist dieser Einstand des neuen Grazer Balletts. Zehn Tage nach der Premiere waren bereits alle Vorstellungen ausverkauft und die erste Zusatzvorstellung annonciert.

Veröffentlicht am 22.10.2015, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2015/2016

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Kommentare zu "Das etwas andere Dornröschen-Ballett"



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