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Heilbronn

INNENSICHT VON AUßEN

Tanz!Heilbronn wirft einen Blick in die Welt und die Seele: „Tu Meur(s) De Terre“ von Hamdi Dridi und „Zaafaran“ von Omar Rajeh und MaHa



Aus Tunesien stammt Hamdi Dridi, aus dem Iran und dem Libanon kommen Omar Rajeh und die Formation MaHa. Was zuerst nach Ethnografie klingen mag, ist letztendlich ein tiefer Blick in die menschliche Seele.


  • "Zaafaran" von Omar Rajeh und MaHa Foto © Mostafa Kazemi
  • "Zaafaran" von Omar Rajeh und MaHa Foto © Mostafa Kazemi
  • "Zaafaran" von Omar Rajeh und MaHa Foto © Mostafa Kazemi
  • "Tu Meur(s) De Terre" von Hamdi Dridi Foto © Marine Oger
  • "Tu Meur(s) De Terre" von Hamdi Dridi Foto © Marine Oger
  • "Tu Meur(s) De Terre" von Hamdi Dridi Foto © Marine Oger

„Tänze sind auch aus Nöten entstanden, nicht nur aus Freude“, stellte einst Pina Bausch, die Grand Dame des Tanzes und Gründerin des Wuppertaler Tanztheaters fest. Das Festival Tanz!Heilbronn zeigt in der Boxx, dem dunkelsten und intimsten Raum des Theaters, als deutsche Erstauf¬führung: „Tu Meur(s) De Terre“ von Hamdi Dridi.

In seiner Trauer konzentriert sich der junge Tunesier aufs Wesentliche, rekapituliert, wie der Vater lebte, was ihm fehlte, was er mochte. Beispielsweise Jazz und Blues. Stellvertretend singt Elvis „It’s now or never“. Im Verhallen hört man schweren Atem, einen Herz-Pieper und aus dem Off die Stimme des Sohnes: „I came to listen. My father said…“. Zu spät. Die Totenstille ist gleichermaßen bewegend und bedrückend.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit mit dem Vater wiederholen sich Abläufe wie wiederkehrende Wellen. Schläge, die mit flacher Hand auf den Boden knallen, insistieren vergeblich auf Antwort. Eine um den Kopf kreisende Hand bleibt wie magnetisiert an der Schläfe kleben, sie greift in Augennähe nach Schweiß oder Tränen und schleudert die Feuchtigkeit weg.

Konzentriert auf den inneren Dialog ist Didri ganz bei sich. Er lässt den Körper treiben. Kein Zugeständnis an Publikumserwartungen. Im investigativen Spiel mit der Schwerkraft auf der unermüdlichen Suche nach etwas Undefinierbarem, Unfassbarem zeichnet sich die Anstrengung nicht nur in der Geste, sondern auch auf der Haut ab: Sie beginnt zu glänzen. Hin und wieder trägt ihn ein Armschwung in den Raum.

„Ich studierte in Frankreich, als mein Vater an Krebs erkrankt ist. Ich war schockiert. Vorübergehend ging es ihm besser, ich war erleichtert. Doch dann ging es rapide bergab“, erläutert Didri die Phasen des Ablebens im Nachgespräch. Das Licht im Stück repräsentiert die drei Phasen: Schock (Neonstäbe), Hoffnung (Lichtdusche) und den Schmerz des Verlustes (indirektes Licht in der gesamten Blackbox).

Er wolle nicht nur von seiner Trauer erzählen, sondern auch von dem, was er noch gerne mit dem Vater unternommen hätte, erläutert Didri sein Konzept. Das Stück werde weiter wachsen, denn der Titel „Tu Meur(s) De Terre“, der viele Bedeutungsfacetten auffächert, wie etwa „Erd-Tumor“, „Du stirbst“ und „Tod der Erde“, berge noch mehr Perspektiven des Themas. Seit 2015 absolviert der Choreograf und Tänzer ein Master-Studium am Internationalen Choreografischen Centrum in Montpellier, das er im Sommer 2017 mit diesem Solo abschließt. Die Heilbronner Publikumsresonanz gibt ihm viel Rückenwind mit auf den Weg.

Menschliche Beziehungen stehen auch im Mittelpunkt der libanesisch-iranischen Koproduktion „Zaafaran“.

Rasende Trommelschläge, man könnte meinen, sie seien computergeneriert, oder künstlich beschleunigt. Ein Perserteppich, eine Barfuß-Tänzerin in schmucklos grauem Kleid. Um den Kopf ein Tuch, unter dem ihr Zopf hervorlugt. Wie aus Stein steht sie dem Trommler zugewandt. Ihre Blickrichtung markiert die Diagonale von hinten rechts nach vorne links. Perlen die rhythmischen Attacken des Musikers an der orientalischen Terpsichore ab oder saugt ihr Leib die in der Luft liegende Erregung der Livemusik auf? Zunächst steht sie minutenlang still.

Mit der libanesisch-iranischen Koproduktion „Zaafaran“ betritt das Festival Tanz!Heilbronn neues Terrain, vielleicht gar politisches, denn arrangiert hat die künstlerisch fruchtbringende Verbindung zwischen dem libanesischen Regisseur Omar Rajeh und der iranischen Formation MaHa, die Norwegische Botschaft in Teheran. Auch das Goethe-Institut ist mit von der Partie, was für prowestliches, außenpolitisches Interesse Deutschlands, respektive Europas spricht.

Vom allseits bekannten, als Beispiel restriktiver Gesellschaftspolitik gern zitierten Tanzverbot im Iran, zu tänzerischem Stehvermögen genötigt, zeigt Mitra Ziaeikia, was unter diesen Bedingungen an Bewegung möglich ist: Der Blick wandert nach oben, weitet den Raum. Aus leisem Schütteln und feinem Zucken entwickeln sich entlang der Wirbelsäule schlangenartige Konvulsionen, die an Intensität und Dynamik zunehmen. Ekstase-Technik auf Persisch.

Omar Rajeh, eher Arrangeur als Choreograf, versteht sein Regiehandwerk: Er positioniert den Ausnahmetrommler Ali Taliei - der sein Instrument wie ein Besessener malträtiert - und Mitra auf Außenposten der genannten Diagonale. Sie gilt per se als die dramatischste Linie im theatralen Raum. Dass er später einen Tänzer einführt, der die Tänzerin vom Teppich Richtung Musiker lockt, mag dem Konzept geschuldet sein, das von Tabus geprägte Mann-Frau-Verhältnis vorzuführen. Die vorher aufgebaute Spannung zwischen Musiker und Tänzerin versandet in Balz-Gebärden des Tänzerpaares. Bemüht, sich nicht zu berühren, hätte dem Stück eine Überzeichnung ins Groteske gutgetan.

Auf die Frage, wie das Stück in Iran ankam, prescht Ali Taliei vor: „Ich sei am besten gewesen, hat das Publikum gesagt“, erzählt der Musiker selbstbewusst. Die Tänzerin Mitra Ziaeikia erklärt bescheiden: „Am meisten hat die Leute interessiert, wie wir die Aufführungserlaubnis bekommen haben.“ Da ist es also wieder, das Tanzverbot. Ob wir eine Export-Variante des Stückes zu sehen bekommen haben, will jemand wissen. Omar Rajeh lacht: „Nein, wir haben das Stück genauso in Teheran aufgeführt!“ Der Trick die Zensur zu beschwichtigen: die MaHa-Gruppe wie auch andere Tanzschaffende trainieren und produzieren unter dem Label „Bewegungstheater“.

Veröffentlicht am 22.05.2017, von Leonore Welzin in Homepage, Kritiken 2016/17

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