„Tod in Venedig“ von John Neumeier, Tanz: Edvin Revazov, Caspar Sasse

„Tod in Venedig“ von John Neumeier, Tanz: Edvin Revazov, Caspar Sasse

Erfolgreiche Debuts

John Neumeiers „Tod in Venedig“ in neuer Besetzung

Wie vielversprechend sich der Nachwuchs beim Hamburg Ballett darstellt, zeigt die Wiederaufnahme des über 20 Jahre alten Werkes des früheren Ballettintendanten.

Hamburg / Hamburg Ballett, 25/02/2025

Es war DIE Überraschung am Sonntagmorgen, als bei der Ballett-Werkstatt am 2. Februar John Neumeier höchstpersönlich auf die Bühne kam, um die Matinee zu leiten – normalerweise wäre das die Aufgabe seines Nachfolgers Demis Volpi gewesen. Nur: Die Wiederaufnahme eines wichtigen Neumeier-Werkes stand bevor, noch dazu mit zahlreichen Rollendebuts: „Tod in Venedig – ein Totentanz von John Neumeier, frei nach einer Novelle von Thomas Mann“. Da war es nur folgerichtig, dass der Meister selbst in Augenschein nahm, wie sich die Neuen bewährten, und sein Werk dem geneigten Publikum nahebrachte. Das war ganz aus dem Häuschen ob der überraschenden Gelegenheit, den verehrten früheren Ballettchef noch einmal zu erleben. Und der machte seinem Ruf als ebenso charmanter und unterhaltsamer wie hochgebildeter Gastgeber alle Ehre. 

Einmal mehr wurde deutlich, wie eingehend sich Neumeier jedes Mal mit einem Thema beschäftigt, wie sehr er in der Tiefe auslotet, was er auf die Bühne bringt, wie er zu seiner Musikauswahl kommt (eine wilde Mischung aus Bach, Wagner und Jethro Tull), und wie er seiner Kompanie erklärt, was und wen sie da zu verkörpern haben. Anzunehmen ohnehin, dass alle Beteiligten die Novelle gelesen hatten – auch das erwartet Neumeier von seinen Tänzer*innen. 

 

Unerfüllte Sehnsüchte

Bei „Tod in Venedig“ ist es die tragische Geschichte von Gustav von Aschenbach, der bei Thomas Mann ein Schriftsteller, bei Neumeier jedoch ein Meisterchoreograf ist, der seine letzten Tage am Lido von Venedig verbringt, vergebens und mit sich selbst hadernd an einer neuen Kreation über Friedrich den Großen arbeitet und dabei einem Jüngling begegnet, Tadzio, der in ihm unerfüllte erotische Sehnsüchte weckt, bevor Aschenbach schließlich der Cholera anheimfällt. 

Neumeier dürfte mit dieser Art zusätzlicher Bühnenprobe, die die Ballett-Werkstatt darstellte, rundum zufrieden gewesen sein. Denn gerade die Neubesetzungen hatten die in sie gesetzten Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern nahezu übererfüllt, wie sich auch später in den Vorstellungen zeigte. Da ist allen vorweg Edvin Revazov als Gustav von Aschenbach. 2003, bei der Uraufführung, hatte er schon mitgetanzt, damals – gerade 19-jährig – jedoch in der Rolle des Tadzio. Jetzt, 21 Jahre später, ist er reif für die darstellerisch wie tänzerisch höchst anspruchsvolle Rolle des gealterten Aschenbach, die Lloyd Riggins seinerzeit geprägt und jahrelang in großer Vollendung getanzt hatte. Um es kurz zu machen: Edvin Revazov ist ihm darin ein in jeder Hinsicht würdiger Nachfolger. 

Die Entdeckung des Abends jedoch ist Caspar Sasse als Tadzio – er war gerade mal zwei Monate alt, als Neumeier sein Stück vor 21 Jahren aus der Taufe hob ... Inzwischen zählt er zu den vielversprechendsten Talenten aus der Kaderschmiede der Ballettschule des Hamburg Ballett. Sein Tadzio atmet nicht nur jungenhafte Unbekümmertheit, sondern lässt auch schon eine innere Reife spüren, ganz zu schweigen von der blitzsauberen Technik, mit der dieser junge Mann zu tanzen versteht. 

Nicht minder schön anzusehen ist auch Olivia Betteridge als „La Barbarina“, die Hofballerina Aschenbachs. Diese Rolle braucht eine feine Eleganz, eine edle Linie und vor allem ein inneres „Versammeltsein“ – all das vereint die 25-Jährige fast schon spielerisch in sich und macht neugierig auf größere, noch anspruchsvollere Herausforderungen. 

Futaba Ishizaki und Daniele Bonelli, die Ballettintendant Demis Volpi aus Düsseldorf mitbrachte, müssen sich in die schwierige Rolle als „Aschenbachs Konzepte“ erst noch richtig einfinden – da haben allerdings Silvia Azzoni und Sascha Riabko die Messlatte auch sehr, sehr hoch gelegt. Deren Interpretation bleibt bisher unerreicht. Ishizaki und Bonelli haben jedoch durchaus das Zeug dazu, ihnen nahezukommen. 

Louis Musin und Artem Prokopchuk traten in die ebenfalls riesengroßen Fußstapfen von Jiři und Otto Bubeniček, die seinerzeit in einer Vierfach-Anforderung glänzten: als Wanderer und Gondoliere, als Tanzpaar, als Dionysos, Friseur und Gitarrist. Musin und Prokopchuk stürzten sich hier mit Verve und immenser Tanzfreude in jede einzelne dieser Rollen – das war mehr als beachtlich. 

Ein besonderer Genuss war das Klavierspiel von David Fray, der all die vielfältigen musikalischen Anforderungen des Abends von Bach bis Wagner grandios meisterte. Dieserart perfekt gerüstet braucht das Hamburg Ballett den Auftritt in Salzburg in keiner Weise zu fürchten. 

Kommentare

Noch keine Beiträge

Ähnliche Artikel

basierend auf den Schlüsselwörtern