Scholztalgie in Leipzig
„Scholz-Symphonien“ von Uwe Scholz beim Leipziger Ballett
„Humans“ am Ballett Leipzig mit Arbeiten von Sofia Nappi und Louis Stiens
Rémy Fichet ist in Leipzig als Ballettdirektor angetreten mit dem Auftrag, das Leipziger Ballett zu öffnen für verschiedene Handschriften. Er selbst hat in dieser Spielzeit gar nicht choreografiert, sondern stattdessen mit „Romeo und Julia“ von Lauren Lovette und der Scholz-Traditionspflege klare Markierungen gesetzt. Jetzt lädt Fichet zum Doppelabend „Humans“ mit „Duende“ von Sofia Nappi und „Strip“ von Louis Stiens. Zwei sehr unterschiedliche Ansätze, die sich aber gerade deshalb so gut vertragen, weil sie ästhetisch so weit auseinanderliegen.
„Duende“ von Sofia Nappi
Der Duende ist eine mystische Figur aus dem spanischsprachigen Kulturraum, eine Art Gnom, Wechselgänger zwischen den Welt, jemand, der in einen fahren kann und somit auch dem kreativen Genie zuzuordnen ist. Im Flamenco ist der Duende eine Art Trancezustand, den es zu erreichen gilt und auch Lorca hat den Duende für sich als eine Art Kraft verstanden, die Kunst ermöglicht.
Der Duende ist also gleichermaßen Figur und Zustand und Sofia Nappi, Leiterin der KOMOCO Company in Italien, nutzt genau diese Doppeldeutigkeit, um das Corps de Ballett auf tänzerische Spurensuche zu begeben. Nappi hat mit der Hofesh Shechter Company zusammengearbeitet und zudem mit Ohad Naharin, die zwei große israelische Vorbilder sind.
Judith Adam kleidet die Tänzer*innen in luftige Kostüme irgendwo zwischen „Carmen“ und „Piraten der Karibik“ und zu der Musik von Clara Schumanns einzig erhaltenem Klavierkonzert in a-Moll wird das Publikum Zeuge einer traumwandlerischen Expedition.
Auf der Bühne wuselt die Company in einem großen weißen Lichtkegel, erzählt kleine Geschichten mit einem Bewegungsrepertoire, das Nappi den Figuren der Commedia dell’ Arte und dem Flamenco entliehen hat, wobei letzterer weniger zitiert als parodiert wird. Exaltiert, mit Ecken und Kanten und viel Mut zur großen, bisweilen geradezu clownesken Geste ist es besonders Daniel Róces Gómez, der als treibende Kraft und Protagonist ins Auge fällt. Da zittern die Hände, wird das Gesicht weit aufgerissen, werden Duelle angedeutet oder jemand läuft in einer Art Kniebeugengang über die Bühne.
Immer spielen die Tanzenden als durchgehendes Motiv mit dem Streben nach oben und dem Kriechen auf dem Boden. Dazu spielt ein kraftvolles Gewandhausorchester (unter der Leitung von Samuel Emanuel) und am Klavier Younghwi Ko. Zum Abschluss des 30-minütigen Ritts gibt es dann noch einen musikalischen Wechsel zum barocken „Abdelazer“ von Henry Purcell mit echtem Cembalo-Sound.
„Strip“ von Louis Stiens
Nach soviel mediterraner Energieexplosion kommt zur Abkühlung Louis Stiens’ „Strip“ auf die Bühne. Statt bunter Kostümwelten dominieren hier Schwarz und Weiß. Vor einer Mauer, die kurz auch als Berliner Mauer des Kalten Kriegs angedeutet wird, beginnt dieser Teil mit einem Ringtanz, offenbar inspiriert aus den Reformbewegungen der 1920er Jahre, und später sind Reminiszenzen an den Ausdruckstanz einer Valeska Gert unübersehbar. Auch die Kostüme, die er zusammen mit Bettina Katja Lange entworfen hat, mit ihren kleinen, schwarz-weißen Dreiecksmustern, die das Ensemble in eine androgyne Masse verwandeln, atmen den Geist jener Zeit. Stiens stammt aus der Tradition des Stuttgarter Balletts, wo er lange getanzt und später auch choreografiert hat.
Für sein Stück greift er allerdings nicht in die Stuttgarter, sondern in die Münchner Ballettgeschichte. Er nutzt die Musik „Abraxas“ von Werner Egk. Das Ballett wurde 1948 in der Choreografie von Marcel Luitpart uraufgeführt und verschwand dann klammheimlich auf Anordnung des bayerischen Kulturministers vom Spielplan, weil es als obszön und blasphemisch galt. Die Nazi-Vergangenheit des Komponisten spielte hingegen keine Rolle, sodass ihm 1962 der Bayrische Verdienstorden verliehen wurde. 2025 möchte sich Choreograf Stiens so eine braune Farbblindheit nicht leisten und kombiniert „Abraxas“-Auszüge mit Hanns Eisler und Franz Schubert. Egks hollywoodreife Musik kontrastiert stark mit den offenen Ansätzen Eislers, die wiederum ästhetisch näher am gezeigten Tanz sind als Egk.
Es geht viel ums Kollektiv und das Außerhalb des Kollektivs, wo eine Einzelne verweilt, sich den Bewegungen verweigert, anders tanzt. Wie Wellen verschlucken die Tänzer*innen die Solitäre wieder, alles in äußerst exakten, synchronen und rhythmischen Bewegungen. Einmal formieren sich vier Personen zu einer Art Sitztanz, es gibt auch kleine Soli und Pas de deux. Der Abraxas-Hexentanz (er basiert auf einer Faust-Geschichte Heinrich Heines) wird zur formalen Spielwiese, doch die Kontexte der Musik bleiben nicht unwidersprochen. Über die Mauer schwappt ein Banner mit den Jahreszahlen 1948-1961-2025. Kryptisch und unerklärt hängt es da, bis eine Tänzerin es herunterreißt und sich darin einwickelt. Am Ende dann eine Art Trauertanz im Modus des individuellen Kollektivs.
„Humans“ ist ein doppelt konzentrierter und kontrastreicher Abend, der verschiedene Pole des zeitgenössischen Balletts ausleuchtet und wie ein Schaufenster des heutigen Tanzes wirkt. Beide Choreograf*innen schaffen es mit der Company ihre Sprache zu übersetzen. Zugleich sind sie inhaltlich deutlich sperriger als das doch sehr dem Gefälligen zugewandte „Romeo und Julia“ zur Spielzeiteröffnung. Der Weg der Vielfalt, in Leipzig wurde er beschritten.
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