„Nijinsky“ von John Neumeier, Tanz: James Kirby Rogers (Nijinsky)

Biografie der Seele

John Neumeiers „Nijinsky“ an der Semperoper Dresden

Der episodenhafte Ansatz, einem überwältigenden Künstlerleben nachzuspüren, überzeugt noch immer. Das Corps de Ballett wackelt zwar noch etwas, aber das Publikum ist hingerissen.

Dresden, 25/01/2025

Altern wird dieses Stück so schnell ganz bestimmt nicht. Seit ihrer Uraufführung im Jahr 2000 in Hamburg hat sich John Neumeiers „Biografie der Seele“, wie er seine Arbeit selbst beschreibt, zumindest richtig gut gehalten. Und das ist bekanntlich ein verlässliches Zeichen für Qualität.

John Neumeiers lebenslange Faszination für die Person des russischen Tänzers Vaclav Nijinsky, die tragische, skandalumwogene Legende des Balletts, ist bekannt. Hier lag der Auslöser für dieses Ballett, das aber eben clevererweise kein Handlungsballett ist. Stattdessen geht Neumeier von Nijinskys letztem Auftritt im privaten Rahmen in einem Hotel 1919 in St. Moritz aus. Daran schlossen sich für den Tänzer fast 30 Jahre Düsternis mit schwerer Schizophrenie.

Mit diesem Auftritt zu Beginn des Stücks löst sich die Umgebung auf, und Nijinsky reist durch verschiedene Episoden seines Lebens. Darin scheinen nacheinander einzelne Ballette als Stationen seiner Karriere auf. So taucht etwa der sinnliche Goldene Sklave (selbstbewusst: Joseph Gray) aus „Scheherezade“ auf, der Kasper Petruschka (übermütig ausgelassen: Christian Bauch) aus dem gleichnamigen Ballett und natürlich der ikonische Faun (ebenfalls Joseph Gray) aus „L'Après-midi d'un faune“. Dabei sind es die emotionalen Höhen und Tiefen, die Nijinsky durchläuft, parallel gesetzt mit den Figuren, die er selbst in der Vergangenheit getanzt hatte. 

Die Liebe zu seiner Frau, die stürmische Liaison mit seinem Freund und Impresario Serge Diaghilew und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, das alles vermischt und akkumuliert sich schließlich zu einem inneren Wahnsinn, an dem die verletzliche Seele des Künstlers zerbricht.

Keine Experimente

Bewegungstechnisch geht John Neumeier hier keine Experimente ein. Sein Vokabular strahlt die ruhige Eleganz einer Neoklassik aus, die frei von Überraschungen bleibt. Nur in seinen hochemotionalen, übersteigerten Ausbrüchen macht sich Nijinsky als Einziger frei von diesem Reglement. James Kirby Rogers gibt dafür alles und schafft es mit überzeugender Kraft, aus sich heraus zu explodieren und sich förmlich zu entgrenzen.

Diese Art des Ausdrucks, die Nijinsky auch zu Beginn dem Publikum im Hotel präsentiert, findet bei jenen allerdings keinen Anklang. Das ist nicht der Künstler, den sie vergöttern. Erst, nachdem er umgeschaltet hat in das sanftere, gefälligere Klassik-Vokabular mit Grand jeté und Tour en l'air, wird er sozusagen wiedererkannt. Ein bisschen leichter Humor, ganz ohne jene Tragik, so findet er Zuspruch. Für ihn aber ist es da längst zu spät. Die innere Zerrissenheit steht ihm da bereits buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Es hat fast etwas von einer Art Prophezeiung wie sich Christian Bauch als außerweltlicher Petruschka später in seiner Rolle freitanzt, komplett losgelöst von den Beschränkungen des Lebens. Es ist, als kündige sich bereits da der Zusammenbruch Nijinskys an.

Immer wieder an seiner Seite, still ertragend und ihn gleichzeitig stützend, sieht man Nijinskys Frau Romola. Svetlana Gileva erinnert mit ihrer Sanftheit ein bisschen an Sanguen Lee als Lady Capulet in David Dawsons Version von „Romeo und Julia“. Man kann ihr förmlich das Gewicht auf ihren Schultern ansehen, durch das sie das Leiden ihres Mannes teilt. Das gilt eben auch für dessen Nähe zu Diaghilew. Richard House bietet hier Rogers einen ebenbürtigen Partner in jeder Hinsicht. Die intimen Szenen zwischen beiden überzeugen genauso mit ihrer Nähe, wie es die Zurückweisungen der Eifersucht schaffen.

Die Erinnerungen verschwimmen

Die Episoden und Ereignisse verschwimmen immer wieder und verlaufen ineinander. So trägt beispielsweise Romola Nijinksy während einer Schiffspassage in die USA genau jenen Schleier, den eine der Nymphen in „L'Après-midi d'un faune“ zurücklässt.

Die Anzahl der auf der Bühne beteiligten ist hier geradezu überwältigend. Welche künstlerische (und organisatorische) Arbeit dahintersteckt, kann man nur erahnen. Den Kern bildet natürlich das Corps de Ballett, das in seiner neuen Besetzung in dieser Spielzeit bislang nur in „Wonderful World“ des neuen Ballettchefs Kinsun Chan zu erleben war. Hier zeigt sich, dass die Truppe insgesamt noch nicht ganz geschliffen ist, zumindest noch nicht so, wie man es vom vorherigen Corps gewohnt war. Es mangelt stellenweise noch an Synchronität, Interpretation und Geschmeidigkeit sind auch entwicklungsfähig. Woran das liegt, lässt sich schwer ausmachen. Möglicherweise schleifen sich die Dinge im Verlauf der Aufführungen etwas glatt.

Dem Premierenpublikum schien das nichts auszumachen. Der Applaus fiel selbst für die Semperoper auffallend enthusiastisch aus. Auf Standing Ovations kann man leider nichts mehr geben. Die sind ja spätestes seit Corona obligatorisch geworden.

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