„On Trial Together“ von Ana Vujanović & Saša Asentić

„On Trial Together“ von Ana Vujanović & Saša Asentić

In der Kürze liegt die Kunst

Eindrücke von der 12. Auflage der Tanzplattform Deutschland in Frankfurt

Zwei tanznetz.de-KorrespondentInnen besuchen zum Teil unterschiedliche Vorstellungen der Tanzplattform 2016 und nehmen verschiedene Perspektiven ein. Hier die Sicht von Boris Gruhl.

Frankfurt, 08/03/2016

So, das war's. Die Tanzplattform Deutschland 2016 ist zu Ende. Sie war an ihren Ursprungsort, das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt, wo dieses „Theatertreffen des Tanzes“ 1994 erstmals ausgerichtet wurde, zurückgekehrt und konnte sich von dort jetzt ausweiten in die Zentren des Rhein-Main-Gebietes mit Veranstaltungen in Bad Homburg, Darmstadt und Offenbach. Inhaltlich und künstlerisch gelang diese Erweiterung nur bedingt. Die immer wieder beschworene Erweiterung des Tanzbegriffes gelangte erneut an ihre Grenzen, insbesondere dann, wenn der inflationär gebrauchte Begriff der Performance dazu führte, dass man sich von jeglicher Art des Tanzes verabschiedete und das festivalgemäß willige Publikum regelrecht auflaufen ließ.

So zu beobachten bei „On Trial Together (Episode Offenbach)“ von Ana Vujanović & Saša Asentić aus Berlin als Gesellschaftsspiel und Happening anhand der Frage was Theater und was Choreografie sei, die sich in den Umkehrschluss verwandelte, was dieses Theater solle und ob man nicht in eine autoritär choreografierte Zwangslage gekommen sei, zumal man den abgelegenen Ort erst wieder nach mindestens zwei Stunden mit einem Shuttlebus verlassen konnte.

Für die Eröffnung des Festivals mit zwölf Gastspielen, die von der Jury aus über 200 besuchten Aufführungen ausgewählt waren, zeigte das Regieduo Gintersdorfer/Klaßen aus Berlin, Bremen und Abidajan im Frankfurter Schauspielhaus „Not Punk, Pololo“. Wüsste man nicht dass dieses Stück schon älter ist, man hätte es für eine Auftragsarbeit zur Illustration der überlangen und sich wiederholenden Eröffnungsreden halten können. Denn da war selbstverständlich die Rede von den Versuchslaboren des Tanzes, von der Internationalität dieser Kunst als Spiegel der sich wandelnden Gesellschaft hin zu einem erweiterten Deutschlandbegriff und natürlich im Hinblick auf die konkrete Aufführung den Probleme der Übersetzung und der Verständigung. In einer Parade der Popkulturen treffen Stile und Sprachen, körperlich, verbal und musikalisch aufeinander in dieser so schrillen wie lautstarken, leider aber auch nicht enden wollenden Revue einer ivorisch-europäischen Koproduktion, bei der es Methode ist, die Übersicht zu verlieren und den immer schwieriger werdenden Versuchen eines Übersetzers nicht mehr folgen zu können.

Ebenso etabliert wie Ginterdorfer/Klaßen und Isabelle Schad aus Berlin und Poznan, die sich mit „Collective Jumps“ schreitend, schwingend und verknotend den Traditionen des Volkstanzes zuwendet und dabei in esoterischem Leerlauf verebbt, ist Meg Stuart aus Brüssel mit ihrer Kompanie Damaged Goods, die ihre vorerst letzte Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen zum Festivalfinale zeigte. „Until Our Hearts Stop“ hätte zum grandiosen Satyrspiel werden können, mangelte es diesem über zweistündigen Abend nicht zu oft an dramaturgischer Konsequenz. So berührend und verstörend, so unterhaltsam und verunsichernd, so sensibel wie hintergründig diese Spiele der Menschen sind, die ihre Seelen und Herzen auf der nackten Haut tragen, bei denen es für keinen Moment peinlich oder beschämend wird, wenn bei vaginalen Erkundungen der Frauen die Schamgrenzen fallen und Männer zunächst verschämt, dann immer offensichtlicher erotisch kungeln und kampeln, wenn die Versuche der Menschen, sich im Gegenüber zu den Klängen eines Jazz-Trios neu zu erfinden scheitern, aber nicht entmutigen, es fehlt das Maß. Nach einer guten Stunde ist der Dampf raus, dann wird geblödelt, gequasselt, das Publikum mit einbezogen und der zunächst so gelungene Exkurs über die beschädigte Ware Mensch und deren tragikomischen Reparaturversuchen nimmt selber Schaden.

Erstaunlich im Programm der Tanzplattform, dass die zukunftsweisenden Impulse von jüngeren Künstlerinnen und Künstlern kommen. Ebenso erstaunlich deren Abkehr von performativen Beiläufigkeiten hin zu choreografischer und tänzerischer Konzentration. Da ist die Arbeit von Adam Linder aus Berlin, die sich auf Léonide Massines Choreografie „Parade“, zur Musik von Erik Satie, in der Ausstattung Pablo Picassos von 1917 für die Ballet Russes bezieht. Das Stück erregte Aufsehen weil nach den Anweisungen des Autors Jean Cocteau Gebärden des alltäglichen Lebens durch Übertreibungen und Ironisierungen in mitunter absurde Szenen des Tanzes gesteigert wurden. Linder kopiert nicht, bestenfalls zitiert er, noch besser, wenn er auch ironisiert in seiner Parade der Eitelkeiten, die er von seinem Berufsstand als Tänzer bestens kennt. Augenzwinkernde Ironie, so exakt wie elegant getanzt, dazu eine intelligente Soundcollage in hintergründigen Korrespondenzen, deren Parade geradewegs in die Gegenwart führt.

Zumindest mit ironischen Brechungen versucht Lea Moro, Berlin und Zürich, in „(b)reaching stillness“ der aufwühlenden Wucht mitunter sehr lautstarker, dann wieder verfremdet und collagenhaft mit anderen Sounds gemischten Passagen aus Gustav Mahlers „Auferstehungssinfonie“ zu begegnen. Eine Tänzerin und zwei Tänzer setzen die Langsamkeit minimalistischer Bewegungen in faszinierend aufeinander abgestimmter Präzision gegen den hoch emotionalen Aufschrei der Musik. Meditative Ruhe als Auferstehungsritual gestresster Zeitgenossen mit Pausen am Trinkwasserautomaten? Gilt es eine Höhe zu erreichen, die doch nicht mehr ist als ein Hügelchen? Zitate vergangener Kunst des Tanzes und der Malerei als Rudimente zurück blickender Sehnsüchte? Am Ende vollzieht sich doch so etwas wie eine „Auferstehung“, allerdings in Handarbeit mit Hilfe von Luftpumpen. Aus dem blauen Bühnenteppich wachsen goldene, aufgepumpte Penispalmen hoch, denen aber schon bald, in dem Maße wie die Choreografie jetzt blutleerer wird, wieder die Luft ausgeht; und aus der Höhe über dem wiederum zur Ruhe gelangten Pilgertrio fällt kein Bühnenschnee sondern nur ein leichter Nieselregen.

Ganz gegenwärtig, ganz ohne Musik und Video, hergeleitet aus den sich wiederholenden Endlosschleifen der Bewegungsformate aus dem Fitnesswahn, präsentiert Paula Rosolen aus Frankfurt ihr Ballett in drei Akten, „Aerobics!“. Sie findet Spuren des klassischen Balletts in den Bewegungen der Alltagskultur, sie spürt den Parallelen anhand der Faszination sich hier wiederholender Bewegungen nach und bringt sie zueinander in Raum- und Bildkompositionen ihrer Protagonisten die nicht in jedem Fall überkommenen Vorstellungen von Tänzerinnen und Tänzern entsprechen müssen, zudem kennt Paula Rosolen den Unterschied zwischen Albernheiten und Humor.

Eine Arbeit von existenzieller Eindringlichkeit, suggestiv und sensibel, präsentiert der in Wien und Berlin lebende Tänzer und Choreograf Ian Kaler gemeinsam mit seinem Wiener Kollegen Philipp Gehmacher sowie der Soundkünstlerin Aquarian Jugs (Jam Rostron). Kalers Choreografie heißt „o.T. (gateways to movements)“ und ist ein 50 Minuten währender Pas de deux in einer Spannung aus Distanz und Nähe, Einsamkeit und deren Überwindung trotz unvermeidlicher Trennung. Erstaunlich, mit wie überzeugendem Raumgefühl Kaler eine Abfolge von Bildern gestaltet, wie er es vermag hinter der scheinbaren Äußerlichkeit von Versatzstücken der Clubkultur Strukturen der Sehnsucht einsamer Menschen zu erkennen und zu würdigen, die er dann im Wechsel aus Expression und Zurücknahme in künstlerische Formen verwandelt. Kein Wort, kein Video, die Dynamik aus Körpersprache und Klang ist in der Korrespondenz zum Raum beredt genug.
 

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